Alter und Dialyse

Arbeitsvorhaben

 

Zu Beginn des Modellprojektes steht die Sichtung, Erfassung und Auswertung von Literatur, Studien und Konzepten zum Thema, der Auf- und Ausbau von Kooperationen und die Vernetzung mit relevanten Akteuren.
In zwei Hauptbereichen soll die Unterstützung, Versorgung mit Informationen und Begleitung älterer chronisch nierenkranker Menschen erprobt, gefördert und evaluiert werden, um ein wissenschaftlich abgesichertes Konzept zur Unterstützung der älteren chronisch nierenkranken Menschen vorlegen zu können, das von den regionalen Selbsthilfegruppen und den sozialen Fachkräften übernommen werden kann.

 

Im einzelnen handelt es sich um folgende Bereiche:

1.

Wissenschaftlich abgesicherte Fortbildungen für Mitglieder der regionalen Selbsthilfegruppen, zum adäquaten Umgang mit älteren Mitbetroffenen. Die regionalen Selbsthilfegruppen sollen durch die zentrale Beratungs- und Koordinationsstelle darin unterstützt und angeleitet werden, sich in größerem Umfang der Gruppe der älteren chronisch nierenkranken Menschen anzunehmen. Zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der Selbsthilfe soll überlegt werden, wie man die Gruppe der älteren Betroffenen besser erreichen und in die Selbsthilfe einbinden kann.

Neben der Entwicklung eines Konzeptes, das den Selbsthilfegruppen Ideen und Anregungen für die Kontaktaufnahme mit älteren Mitbetroffenen gibt, sollen Informationsmaterialien entwickelt und zur Verfügung gestellt werden. Durch Fortbildungen in Gruppen sollen die Mitglieder der Selbsthilfe in die Lage versetzt werden, angstfrei Kontakt zu älteren Mitbetroffenen aufnehmen zu können. In Vorgesprächen wurde deutlich, dass viele jüngere Menschen Angst haben vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Der Kontakt zu älteren Mitbetroffenen führt häufig zu Fragen über Sinn und Zweck der Behandlung, Endlichkeit des Lebens und dem Tod. Die Gespräche erfordern ein hohes Maß an kommunikativen und sozialen Kompetenzen, für die die Mitglieder der Selbsthilfe geschult werden sollen. Sie sollen Kompetenzen erwerben, die ihnen bei der Gesprächsführung helfen und die sie in die Lage versetzen, auf die Bedürfnisse der älteren Mitbetroffenen eingehen zu können, ohne sich selbst zu überfordern.

Die Fortbildungen sollen folgende Themen beinhalten:

  • Allgemeine Grundlagen von Interaktion und Kommunikation
  • "Peer-Counseling" oder: Wie berate ich als Betroffene oder Betroffener Mitbetroffene
  • Umgang mit der eigenen Krankheitsgeschichte und dem damit verbundenen Erleben
  • Eigene Psychohygiene oder: Wie sorge ich für mich selbst?
  • Unterstützung der älteren Mitbetroffenen in sozialrechtlichen Fragen
  • Unterstützung bei Angst und Trauer
  • Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe

Die Materialien und Konzepte sollen von der zentralen Beratungs- und Koordinationsstelle – in Zusammenarbeit mit den Selbsthilfegruppen vor Ort – entwickelt und interessierten Selbsthilfegruppen zur Verfügung gestellt werden. Die Fortbildungen sollen entweder zentral in Mainz (Sitz der Koordinationsstelle) oder bei den Selbsthilfegruppen vor Ort durchgeführt werden.

 

2.

Konzeption, Erprobung und Evaluation von Psychosozialer Begleitung für ältere chronisch nierenkranke Menschen, d.h. Untersuchung der Arbeit der sozialen Fachdienste unter dem besonderen Aspekt der Bedarfe älterer Menschen.

Die Beratungs- und Koordinationsstelle wird, unter Berücksichtigung der Erfahrungen der sozialen Fachkräfte aus den Modellprojekten, ein speziel abgestimmtes Konzept zur Psychosozialen Begleitung von älteren chronisch nierenkranken Menschen entwickeln.

Die Fachkräfte werden dieses Konzept in den Dialyseeinrichtungen erproben. Praktische Erfahrungen werden zur Konzeptrevision verwandt, um dann, ein wissenschaftlich abgesichertes Konzept zur Psychosozialen Begleitung älterer chronisch nierenkranker Menschen entstehen zu lassen. Die Auswirkungen der Maßnahme werden evaluiert.

Dabei wird besonderer Wert auf die umfassende und institutionsübergreifende Begleitung gelegt. Diese Aufgabe kann alles beinhaltet, was der Patient oder die Patientin an Schwierigkeiten und Bedarfen mitbringt. Dazu können gehören:

  • Sozialrechtliche Fragen, wie z.B. Beantragung eines Schwerbehindertenausweises
  • Psychische Schwierigkeiten, wie z.B. Minderwertigkeitsgefühle aufgrund körperlicher Veränderungen durch die Erkrankung
  • Krisenintervention, z.B. zu Beginn der Dialysepflichtigkeit
  • Begleitende Hilfen zur Bewältigung der Erkrankung und ihren Folgen
  • Vermittlung an weiterführende Hilfen, wie z.B. Ernährungsberatung oder Psychotherapie
  • Sterbebegleitung
    Die Begleitung bis zum Tod ist eine Aufgabe, die gerade in der Arbeit mit älteren Menschen von besonderer Bedeutung ist. Sterbende in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten, setzt auch bei professionellen Fachkräften der sozialen Arbeit die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit voraus. Nur wer sich mit seiner eigenen Beziehung zu Tod und Sterben befasst, sich im Loslassen von Menschen, Beziehungen und Dingen auf das eigene, endgültige Abschiednehmen einläßt, ist auch fähig, Sterbenden hilfreich beizustehen. Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und Erfahrungen in der Nähe und in der Begleitung von Sterbenden sind schwierige Aufgaben. Die Fachkräfte in den Modellprojekten werden hierbei von der Koordinierungs- und Beratungsstelle unterstützt und durch kollegiale Supervision begleitet.

Mit der Einrichtung einer zentralen Beratungs- und Koordinationsstelle zur Information und Unterstützung von älteren chronisch nierenkranken Patientinnen und Patienten bietet sich dem BN e.V. eine hervorragende Möglichkeit, für eine Patientengruppe tätig zu werden, die im Rahmen der bisherigen Aktivitäten nur unzureichend erreicht werden konnte. Dies ist eine wichtige Aufgabe, da gerade die älteren chronisch nierenkranken Menschen in besonderem Maße Unterstützungsleistungen durch die Selbsthilfe und professionelle Dienste benötigen. Information, Begleitung und die Anbindung an die Selbsthilfe bieten den Betroffenen die Möglichkeit, mehr Verantwortung für sich und die Erkrankung zu übernehmen, Therapieentscheidungen und Anweisungen besser zu verstehen und die Krankheit in ihr Leben zu integrieren. Die Erkenntnis, dass man als Betroffene oder Betroffener mit den Belastungen der chronischen Nierenerkrankung nicht alleine ist hat einen positiven Einfluss auf das eigene Wohlbefinden, die Mitarbeit bei der Behandlung, das soziale Umfeld etc. Ältere chronisch nierenkranke Menschen wurden bisher zu wenig bedacht; dies muss sich ändern.

Darüber hinaus stärkt das geplante Projekt die Selbsthilfegruppen vor Ort, da deren aktive Mitglieder neue Kompetenzen erwerben und Handlungsfelder aufbauen. Die Begleitung der älteren Mitbetroffenen, auf die die Aktiven kompetent vorbereitet wurden, bringt nicht nur neue Mitglieder in die Selbsthilfegruppen, sondern auch diese einem ihrer ureigensten Ziele näher, nämlich Menschen in solchen Situationen zu unterstützen, die man selbst erfahren und durchlitten hat.

Angesichts der derzeitigen demographischen Entwicklung ist es unabdingbar sich der Gruppe älterer chronisch nierenkranker Menschen anzunehmen, die bisher mit ihren Sorgen und Nöten weitgehend alleine gelassen wurden.

 

Nicole Scherhag

Den Schlussbericht des Projektes können Sie hier als PDF Datei herunterladen

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