Alter und Dialyse

Besonderheiten der älteren nephrologischen Patientinnen und Patienten

 

Ältere nephrologische Patientinnen und Patienten weisen in ihrem Erkrankungsspektrum, ihrer Symptomatologie und ihren Krankheitsverläufen eine Vielzahl von Eigenarten auf, die sie deutlich von jüngeren Betroffenen unterscheiden. Die Anforderungen im somatischen, psychologischen, psychiatrischen und sozialen Bereich liegen erheblich über dem Niveau jüngerer Bevölkerungsgruppen und machen eine spezielle Herangehensweise der Selbsthilfegruppen und ein fachübergreifendes Behandlungskonzept notwendig.

Das Erkrankungsspektrum verändert sich, da bei älteren Menschen oft eine Fülle von Krankheiten auftreten. Das heißt, der alte Mensch erkrankt nicht nur häufiger, sondern es treten auch zunehmend mehrere Krankheiten gleichzeitig auf. Die Multimorbidität ist ein wesentliches Charakteristikum älterer Patientinnen und Patienten, die die Diagnosestellung erschwert und Auswirkungen auf den Verlauf der Krankheit hat. Aber auch psychisch hat die Multimorbidität weitreichende Auswirkungen. Für ältere Menschen entsteht häufig der Eindruck, dass es nur noch „bergab geht“ und dass sie wenig Einfluß auf ihr Wohlbefinden haben. Dieser Eindruck verfestigt sich gerade in der Nierenersatztherapie, da die Abhängigkeit von der Maschine und den Menschen, die sie bedienen, anscheinend wenig Spielraum für selbstbestimmtes Handeln läßt.

Auch die Symptomatik der Erkrankung kann im Alter eigenen Gesetzen folgen. Das typische Beschwerdebild einer Nierenerkrankung kann sich vollends verändern und manchmal sogar atypische Verläufe nehmen. Bedenken muss man in diesem Zusammenhang auch, dass bei vielen älteren Menschen eine gewisse Apathie gegenüber körperlichen Beschwerden zu verzeichnen ist. Hinzu kommt, dass ältere Menschen Symptome manchmal nicht wahrhaben wollen oder sie als Alterserscheinung werten, „gegen die man ja doch nichts machen kann“. Gerade die chronische Nierenerkrankung geht aber mit einem strengen Therapieregime (strenge Diätvorschriften, restriktive Trinkvorgaben, etc.) einher, das aufgrund der Apathie von älteren Betroffenen schwierig umzusetzen sein kann.

Aber auch der Verlauf einer Erkrankung ist im Alter, durch eine längere Dauer und eine verlängerte Rekonvaleszenz, entscheidend verändert. Es treten vermehrt Komplikationen auf, die ebenfalls weitreichende Auswirkungen haben können. So ist z.B. eine der häufigsten Komplikationen im Alter das Immobilisationssyndrom, das weitreichende Folgen über die eigentliche Erkrankung hinaus hat. Dieses zeigt sich bei älteren nierenkranken Menschen besonders häufig und wird durch falschverstandenes Schonverhalten weiter begünstigt.

Die chronische Nierenerkrankung fordert den Betroffenen ein hohes Maß an Selbstdisziplin ab. Bereits im prädialytischen Stadium werden Essen und Trinken reglementiert, was sich dann im Dialysestadium bis hin zur Transplantation fortsetzt. In Bezug auf die Compliance, hier verstanden als Einhaltung der therapeutischen Anordnungen, werden also hohe Anforderungen an die Betroffenen gestellt. So wird beispielsweise bei der Hämodialyse eine strenge Diät und eine Flüssigkeitsrestriktion auf maximal 0,5 Liter pro Tag gefordert. Diese Begrenzung und das damit verbundene quälende Durstgefühl führt bei vielen Patientinnen und Patienten zu einem Überschreiten der erlaubten Trinkmenge, was jedoch gravierende gesundheitsschädigende Folgen hat. Auch die strengen Anordnungen bzgl. der Medikation stellen für viele Menschen ein Problem dar.

Als Besonderheit älterer Menschen fällt weiterhin auf, daß ihnen häufig die Krankheitseinsicht bzw. das Verständnis für Ihre Erkrankung fehlt. Die Einhaltung der strengen Anordnungen fällt ihnen von daher besonders schwer, denn was man nicht versteht, kann man auch nur schwerlich als negative Konsequenz beherzigen. Wenn man z.B. den Zusammenhang zwischen übermäßigem Trinken und dem eigenen Wohlbefinden, der Kreislaufsituation und der Leistungsfähigkeit nicht versteht, sieht man keinen Sinn darin das quälende Durstgefühl zu ertragen und wird die diesbezüglichen Anordnungen kaum einhalten. Um Non-Compliance verstehen zu können, muß man sich dieser Abläufe bewußt sein, um mit den Betroffenen gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen zu können.

Ein weiteres Charakteristikum dieser Patientinnen- und Patientengruppe liegt in einer besonderen psychischen und sozialen Situation. Häufig benötigen sie Unterstützung beim Ordnen ihrer persönlichen Angelegenheiten und eine Überprüfung der ihnen rechtlich zustehenden Sozialleistungen zeigt, daß sie diese aus falschem Schamgefühl oder Unkenntnis oft nicht in Anspruch nehmen. Gerade für Dialysepatientinnen und Dialysepatienten gibt es innerhalb der Dialyseeinrichtungen keinen sozialen Dienst, der hierfür zuständig ist. So nehmen ältere Patientinnen und Patienten ihre Rechte oft genug nicht wahr und haben, falls sich nicht innerhalb der Familie jemand findet, niemanden, der ihnen dabei behilflich ist. Dies beginnt bei der Befreiung von Zuzahlungen, geht über die korrekte Einstufung des Grades der Behinderung bis hin zu steuerlichen Vergünstigungen.

Der Bundesverband Niere e.V. möchte an ausgewählten Dialyseeinrichtungen den besonderen Unterstützungsbedarf älterer Patientinnen und Patienten untersuchen, angemessene Hilfsangebote entwickeln und diese dann evaluieren. Die Struktur für dieses Vorhaben wurde bereits in einem anderen Projekt des BN e.V. gelegt, dem Projekt PSB-Niere. Im Rahmen dieses Projektes wurden Modellprojekte an Dialysezentren und Kliniken eingerichtet, in denen Fachkräfte der sozialen Arbeit für chronisch nierenkranke Menschen und deren Angehörige Psychosoziale Begleitung anbieten. Die Arbeit hat gezeigt, dass ein besonderer Bedarf älterer Patientinnen und Patienten vorhanden ist. Um herauszufinden, wie ein speziell auf die Gruppe der älteren chronisch nierenkranken Menschen abgestimmtes Angebot beschaffen sein muß, soll die Arbeit der Fachkräfte unter dieser speziellen Fragestellung untersucht, modifiziert und evaluiert werden. Ziel ist, die gewonnen Ergebnisse wiederum für die Praxis nutzbar zu machen, um ein optimales und bedarfsgerechtes Angebot bieten zu können.

Grundsätzlich wird die Arbeit im beantragten Projekt solche Strategien bevorzugen, die die Autonomie der älteren Menschen respektieren und fördern, die Selbsthilfe und Selbstorganisation unterstützen und eine Integration ermöglichen.

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