Zur Situation nierenkranker Menschen

Psychosoziale Begleitung (PSB)

 

Die Erkenntnis, von einer chronischen Erkrankung betroffen zu sein, bedeutet für die Betroffenen einen schwerwiegenden, krisenhaften Einschnitt in ihrer Lebensgeschichte und Lebensplanung. Bei der chronischen Niereninsuffizienz kommt außerdem das Wissen um die lebenslange Abhängigkeit von einer der Formen der Nierenersatztherapie (Hämodialyse, Peritonealdialyse, Transplantation) hinzu. Der erhebliche Zeitaufwand, der für die Dialyse nötig ist, muß in den Tagesablauf integriert werden, andere Aktivitäten „um die Dialyse herum“ geplant werden. Für die Mehrzahl der Patientinnen und Patienten bringt die chronische Nierenerkrankung außerdem erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität, physische und psychische Leistungseinbußen und belastende medizinische Folgeerkrankungen mit sich.

Aber auch psychische Probleme wie Depressionen oder Ängste sind häufige Folgen der Erkrankung. Krisen in der Partnerschaft und der Familie oder soziale Isolation können ebenso auftreten wie Enttäuschungen und Schwierigkeiten im Freundeskreis. Probleme am Arbeitsplatz bis hin zu Arbeitsunfähigkeit, Entlassung oder Berentung belasten die Betroffenen zusätzlich.

Sowohl während der prädialytischen Phase als auch während des gesamten Krankheitsverlaufs sind daher zahlreiche Anpassungs- und Umstrukturierungsleistungen des einzelnen und des sozialen Umfeldes notwendig, um die Belastungen und Folgeprobleme der Erkrankung bewältigen zu können.

Die oben beschriebene Situation der Betroffenen, macht die vielfältigen Belastungen deutlich, die bewältigt werden müssen. Hinzu kommt, daß die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt und der Zerfall von familiären Bindungen – oft aus krankheitsbedingten Gründen – einer Rehabilitation und Eingliederung aus eigener Kraft im Wege stehen. Fehlen Betroffenen und Angehörigen die erforderlichen Ressourcen, um mit den geschilderten Belastungen umzugehen, wird professionelle Hilfe in Form von Psychosozialer Begleitung erforderlich.

Auch der medizinische Erfolg bei der Behandlung terminaler Niereninsuffizienz kann mit der Psychosozialen Begleitung ausgebaut und abgesichert werden. Psychologische Variablen haben sich als bedeutsamer für die Vorhersage funktioneller Einschränkungen oder beruflicher Rehabilitation bei chronischen Erkrankungen erwiesen als rein medizinische Daten. Psychosozial stabile Patientinnen und Patienten entwickeln eine wesentlich bessere Rekonvaleszenz. Sie sind eher in der Lage, eine aktive, selbstbestimmte Rolle im Behandlungsprozess zu übernehmen, und zeigen eine höhere Compliance.

Bei der PSB sollen rehabilitative Eingliederungsmaßnahmen, aber auch präventive Interventionen im Vordergrund stehen. Die Psychosoziale Begleitung sollte von fachlich qualifiziertem Personal durchgeführt werden, das in den jeweiligen Dialyseeinrichtungen Teil des Behandlungsteams ist. Die psychosozialen Fachkräfte stehen den Betroffenen unterstützend und beratend zur Verfügung.

Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen – am besten mit therapeutischer Zusatzausbildung – sind durch ihre Qualifikation am ehesten in der Lage, die vielfältigen Aufgaben zu übernehmen, die im Zusammenhang mit der chronischen Nierenerkrankung zu erwarten sind.

Zu den Aufgaben der psychosozialen Fachkraft gehören insbesondere:

  • Krisenintervention in akut belastenden Situationen, z.B. bei Bekanntwerden der Erkrankung, bei Abstossung der transplantierten Niere oder Suizidgefährdung
  • Hilfen zur praktischen Lebensbewältigung (z.B. bei der Beantragung von Rehabilitationsmaßnahmen oder der Klärung von Behördenangelegenheiten, bei rechtlichen Fragen usw.)
  • begleitende Unterstützung bei der Bewältigung der Krankheit und ihren Folgen
  • Vermittlung weiterführender Hilfen

Als Arbeitsformen eignen sich in erster Linie soziale Einzelfallhilfe (Case-Management), bei Bedarf unter Einbeziehung der Angehörigen, und gegebenenfalls soziale Gruppenarbeit.

Die beschriebenen Sachverhalte zur PSB werden seit den siebziger Jahren erforscht und sind in der wissenschaftlichen Literatur umfangreich dokumentiert. Trotzdem ist Psychosoziale Begleitung für Menschen mit chronischer Nierenerkrankung heute immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Die psychosoziale Versorgung und deren Finanzierung ist bundesweit nicht geregelt – zu Lasten der Betroffenen und der Krankenkassen, die die erheblichen Dauerfolgen mit Beiträgen der Versicherungsnehmer finanzieren müssen.

Daraus ergibt sich die Forderung des BN e.V., die PSB bundesweit als Regelangebot in die Behandlung von chronisch nierenkranken Menschen zu integrieren.

Aktuelles
Alle News anzeigen